Berliner Illustrierte Zeitung, 7.9.1996

Das Ende jeder Peinlichkeit                              

von Colin Goldner

Volkstalkshows, von Bärbel Schäfer und Ilona Christen hin zu Kerner, Meiser und Fliege, sind die unangefochtenen Quotenrenner des sogenannten „Haus-frauen-TV". Bis zu 4,8 Millionen Zuschauer verfolgen allnachmittäglich, wie wildfremde Menschen vor laufender Kamera zu jedem nur erdenklichen Thema ihre Erfahrung und Meinung kundtun. Vergangene Woche mitzuerleben: „Mit meinem Baby kam die Krise", „Deutsche Männer bringen's nicht", „Macht Fast Food krank?", „Für meine Urlaubsliebe gab ich alles auf", „Zu anderen ist er charmant, zu mir nie".

Abgekupfert bis ins Detail vor populären US-Shows, hat sich der mediale Talk auch hierzulande in kürzester Zeit vervielfacht. Nicht weniger als acht einander nahezu identische Volkstalkshows konkurrieren wochentags zwischen elf und 17 Uhr um die Gunst der Zuseher. 34mal pro Woche. Jeweils 60 volle Minuten.

Jede zweite Show dreht sich um verquere Beziehungen („Mein Partner ist ein Versager"), in drei bis vier Sendungen pro Woche geht's ausdrücklidi um Sex. Eingehend wird da die Länge des Penis erörtert oder der Vorteil von Schamhaarrasuren. „Die schnelle; Nummer" oder „Sex an ungewöhnlichen Orten" sind Dauerthemen, auch die Sexualgepflogenheiten dickleibiger Menschen (.Wie machen die das bloß?"). „Kein Schwachsinn, keine Perversion, keine noch so abwegige Marotte", wie Bundespräsident Roman Herzog unlängst feststellte, die sich nicht auf dem Bildschirm breitmache. Besorgt sprach er von „flächendeckender Volksverdummung".

Das Konzept der Volkstalkshows ist ebenso simpel wie kostengünstig: Zu einem bestimmten Thema werden Talkgäste ins Studio geladen, die Erzählenswertes dazu beitragen können. Diese Gäste werden in der Regel über Kleinanzeigen in Boulevardblättern rekrutiert. Hinzu kommen all die Kandidaten, die sich den Sendern selbst andienen. „Waschkörbeweise'', so ein Redakteur, träfen jeden Tag die vielfältigsten Offerten ein. Die Chancen auf einen Auftritt steigen, je skurriler die angebotene Story ist. Gelegentlich reicht es, in einem vornehmen Hotel um die Wette gerülpst zu haben („Ich will auffallen, egal wie").

Wer sich als brauchbar erweist, erhält eine Einladung. Um in der Show eine „gute Figur" abzugeben, lernen die meisten Kandidaten ihre Stories auswendig. Die Live-Atmosphäre im Studio und das Bewußtsein, daß jetzt gleich Millionen Menschen den eigenen Auftritt verfolgen, sind allerdings so verunsichernd, daß viele schlicht vergessen, was sie eigentlich sagen wollten. Um Sicherheit zu gewinnen, spielen sie willfährig den ihnen zugedachten Part, in vorauseilender Übernahme der Erwartung von Moderator und Publikum, unter Vernachlässigung jeder Diskretion und Scham: „Ich hatte in zwölf Ehejahren keinen einzigen Orgasmus." Der Ehemann, der das offenbar zum erstenmal hört, sitzt daneben und ringt um Fassung.

Aus „dramaturgischen" Gründen werden die Talkrunden mit Gästen möglichst unterschiedlicher Meinung besetzt, oft mit direkten Opponenten, etwa aus einem Nachbarschaftsstreit oder einem Scheidungskrieg. Vielfach erfahren die Talkgäste erst auf dem Podium, wer sonst noch eingeladen wurde. Sollte sich dennoch die erwünschte Spannung nicht einstellen, greifen die Moderatoren auf das Studiopublikum zurück. Vorab extra auf Gejohle und Mißfallenskundgebungen getrimmt, finden sich hier immer ein paar Heckenschützen: „Was die da sagt, find' ich total Scheiße." Vielfach betätigen sich die Studiogäste als Hobbypsychologen („Der hat ja wohl 'nen Mutterkomplex") oder fallen in inquisitorischer Manier über einzelne Gäste auf dem Podium her. Schutz wird nicht geboten.

Obwohl die Peinlichkeiten tagtäglich zu verfolgen sind, reißt der Nachschub williger Talkgäste nicht ab. Viele versprechen sich durch einen TV-Auftritt eine Steigerung ihres Selbstwertgefühls. Hierfür sind sie bereit, alles zu Markte zu tragen, was von irgendwelchem Verkaufswert ist. Und wenn es nur ein Einblick in die eigene Unterwäsche ist. Die Gefahr, wie in einer Peepshow vorgeführt zu werden, wird ausgeblendet oder billigend in Kauf genommen. Eine wesentliche, wenngleich nicht immer bewußte Motivation für die Teilnahme an einer Talk-show ist auch das Bedürfnis nach Rache, der Wunsch, es anderen vor großem Publikum „heimzuzahlen". Hinzu kommt die selbstaffirmative Bestätigung des eigenen Handelns: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen."

Quer durch sämtliche Talkrunden finden sich natürlich auch Schwätzer, Selbstdarsteller und Missionare, die aus narzißtischen oder sonstigen neurotisch angehauchten Gründen ins Rampenlicht drängen. Vielfach treten aber auch Menschen auf, die, selbst dem Laien erkenntlich, psychisch schwer gestört sind. Solche Menschen wie auf dem Jahrmarkt vorzuführen, stellt Zynismus ohnegleichen dar.

Die meisten Talkgäste bewerten ihren Auftritt zunächst als „positiv". Viele schwelgen derart im Gefühl der Selbstaufwertung, daß ihnen jede kritische Sicht der Dinge verstellt ist. Selbst wenn sie viel zu viel oder viel zu Intimes preisgegeben, sich oder andere aufs beschämendste entblößt oder zum Narren gemacht haben, tritt ihnen das - wenn überhaupt - erst sehr viel später ins Bewußtsein. Nicht nur für psychisch labile Menschen kann das Niederreißen von Schutzgrenzen der Scham und Privatheit Spätfolgen zeitigen, die denen einer Vergewaltigung durchaus gleichkommen. Die einzelnen Moderatoren sind durch nichts qualifiziert, Grenzen zu erkennen, die nicht überschritten werden dürfen.

Die von den Redaktionen vielbeschworene Suche der Talkgäste nach Rat oder Beistand ist reiner Mythos, hochgehalten, um dem Herumgestochere im Seelenleben anderer moralische Rechtfertigung zu verleihen. Talkshows sind gerade nicht die „Lebensberatung am Bildschirm", als die sie sich präsentieren. Die vorgestellten Geschichten bleiben auf rein anekdotischer Ebene stecken, wirkliche Reflexion, die zu neuen Einsichten führen könnte, ist nicht vorgesehen. Vielmehr werden die Gäste aufs Glatteis geführt, es werden ihnen Aussagen entlockt, die sie unter anderen Umständen nie von sich gegeben hätten. Allein der Umstand, daß sie sich „freiwillig" dem Spektakel der Show aussetzen, scheint Freibrief genug zu sein, jedwede Scham- und Schmerzgrenzen zu überschreiten.

Auch der Aufklärungs- und Bildungseffekt, den die Talkshows für sich reklamieren, ist relativ gering. Die simple Aneinanderreihung von Anekdoten hinterläßt beim Zuseher bestenfalls den Eindruck: „Was es nicht alles gibt..." Tieferes Verständnis oder zumindest Toleranz für Menschen, deren Story nicht mit der eigenen Grundhaltung übereinstimmt, werden nicht geweckt. Im Gegen-teil: Aus der Ansammlung einander widersprechender Ansichten kann jeder Zuseher diejenigen als „richtig" heraussuchen, die seinem Werte- und Normen-gefüge am nächsten kommen, die anderen werden als „falsch" oder „verrückt" oder „pervers" abgetan. Wenn Talkgäste sich kontrovers zum Thema „Rentner gehen mir auf den Keks" oder „Mutterglück mit 40" auslassen. werden vorab schon bestehende Meinungen und Urteile eher festgeschrieben als in Bewegung gebracht. Ebenso wie die Talkgäste selbst, suchen auch die Zuschauer ausschließ-lich die Bestätigung der eigenen Position.

TV-Talk versteht sich ausdrücklich auch als Unterhaltung In der Tat: Wer voyeuristisches Vergnügen daran hat, bei anderen Leuten durchs Schlüsselloch zu gucken, wird bei Meiser. Christen und Co. wohlbedient. Diese sehen ihre Shows als „Chance, einsame Menschen am Leben anderer teilhaben zu lassen" (Fliege). In Wahrheit allerdings sind sie nur Nutznießer einer fortschreitenden Vereinsa-mung und Selbstentfremdung des Menschen, die sie selbst noch weiter vorantreiben: Kommunikation findet nur noch in der virtuellen Realität des TV statt.

Die eine oder andere Talkshow, wie Medienkritiker Wolfgang Röhl meint, sei freilich „pädagogisch wertvoller als manche Ansprache des Bundespräsidenten". Wertvoll für wen? fragt der Wiener Philosoph Peter Huemer: Derartige Talk-shows seien einem Staat, der sich sowohl die Technologie wie auch die gesetz-lichen Möglichkeiten zu verschaffen sucht, bis ins Privateste vorzudringen, will-kommene Instrumente der Konditionierung: „Wenn der Staat alles überwacht, ent-werten die Bürger in vorauseilendem Gehorsam das Private selbst." insofern wäre die „flächendeckende Volksverdummung", von der Roman Herzog spricht, nachgerade staatstragend.